Katrin Salentins analoge Collagen Sadoma, Argwan und Allegia (2024) zeigen pralle, rot bemalte Lippen, lackierte Nägel, schneeweiße Zähne und faltenlose Haut. Die Bilder hat die Künstlerin aus aktuellen Modekatalogen ausgeschnitten. Im Detail erscheinen die Fragmente makellos. Doch sind sie vom Ursprungskörper abgetrennt und stark verfremdet zusammengesetzt, sodass kein intaktes Körperbild mehr verbleibt. Vielmehr bekommen wir ein amorphes, picasso-eskes Gemisch aus Haut, Fleisch, Augen, Zähnen und Haaren zu sehen, das absurde, komische Züge innehat und mitunter ins Monströse driftet. In ihren Collagen überspitzt Katrin Salentin die unrealistisch idealisierten Körperbilder von Frauen, die uns in der Modewelt und in Social Media begegnen. Voreingestellte Filter, Bildbearbeitungsprogramme ermöglichen es, das eigene Aussehen bis zur
Unkenntlichkeit zu optimieren. Das hat Auswirkungen auf die eigene Selbstwahrnehmung und Selbstakzeptanz und damit als letzte Konsequenz auch auf das reale Leben. Durch kosmetische Filler und Botox versuchen bereits sehr junge Menschen, sich dem digitalen Idealbild von Schönheit anzupassen. Die Werke von Katrin Salentin stellen genau dieses Problem zur Disposition: Wo verbleibt hinter der Maske das wahre Ich, der Charme des Unperfekten, das uns als Individuen ausmacht?

Dr. Sarah Frost
Auszug aus der Rede zu „THE NEW YOU-WE-ME“ im Verein Berliner Künstler, Berlin, 14.03.2025

Katrin Salentin lässt neue dystope Mischwesen entstehen mit veränderten Körperformen. In der Medizin bedeutet Dystopie, dass ein Gewebe am falschen Ort liegt. (…) Man muss nahe an die einzelnen Arbeiten herantreten, um die Details wahrnehmen zu können, und die Bereitschaft haben, seine Phantasie dieser bizarren Figurenwelt zu überlassen – ohne gleich mit Abwehr oder Überforderung zu reagieren – und einen Sinn haben für den skurrilen Humor, der manche ihrer Arbeiten prägt.

Norbert Hümbs
Auszug aus der Rede zu „spaces traces“ in diekleinegalerie, Berlin, 21.04.2023

Assoziativen Raum eröffnen auch die Bildwelten von Katrin Salentin, in deren Arbeiten der Fantasie eine besondere Rolle zukommt. Denkt man angesichts ihrer Fantasmagorien unwillkürlich an den Titel einer berühmten Radierung von Goya Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, so verhält es sich bei Salentin genau umgekehrt, auch, wenn zwei ihrer Arbeiten den Titel Fogged Mind tragen. Wenngleich sich ihr Schaffensprozess assoziativ vollzieht, seziert die Künstlerin mit höchst wachem Verstand das, was ungewollt in ihrem Briefkasten landet: Werbung, Fragmente aus Zeitschriften, Zeitungen, Postwurfsendungen. Analog und digital setzt sie ausgewählte Fragmente in einem suggestiven Prozess zu originären Bildwelten neu zusammen, deren hybride Wesen an die Berliner Dada-Künstlerin Hannah Höch erinnern.

Miriam-Esther Owesle , Kunsthistotikerin
Auszug aus dem Katalog „Von Clowns und anderen Schweinehunden“ im Kerber Verlag, 11.11.2022

Katrin Salentin re-arrangiert die medial vermittelten Körper in diesen Collagen zu ganz neuer Gestalt. Der Körper bleibt dennoch anwesend, die Haut, die Volumina. Körperlichkeit schwingt auch in der delikaten mitunter gewagten Farbigkeit mit. Die schönen medientauglichen Körper werden in und durch ihre Bearbeitung vollkommen verändert. Sie schweben in ihren – unheimlichen, dystopischen Bildräumen – werden akzentuiert, detailliert, durch andere Elemente, durch ihren eigenen Strich, durch geometrische Farbbalken. Diese digitalen Collagen halten Schnitt und Zusammenhalt, Einfall und Zufall, Entschiedenheit und Freiheit in eigentümlicher Ambivalenz. Die Collage geht aus von Findung und Erfindung, ist Neuerfindung, Neuzusammensetzung, Konglomerat. Und auch hier haben wir etwas Metamorphotisches, die stete Verwandlung, Transformation und damit etwas, was diese Arbeiten zusammenschließen könnte. Es geht nie nur um ein Endergebnis, sondern um die uneinholbare Prozessualität des Sehens. Diese Arbeiten hier sind in aller Freiheit Formen des visuellen Denkens, es sind Fließfiguren des anschaulichen Denkens. Musil hat einmal gesagt, das Prinzip der Kunst ist die ständige Variation. Und ich denke hier in dieser Arbeit wird das Prinzip der Variation ausgespielt, erspielt, hergespielt, damit es die Formelhaftigkeit der Erfahrung sprengt und etwas Neues zur Anschauung bringt.

Dorothée Bauerle-Willert, Kunsthistotikerin
Auszug aus der Rede zu „Form.Vielfach – DIE NEUEN“ im Verein Berliner Künstler, 05.08.2022

Das Pendeln zwischen digitaler und analoger Produktion wird hier durchgehalten und zum Gestaltungsmotor, denn es geht Katrin Salentin offensichtlich nicht um effekthascherische Methoden, sondern um die Entwicklung einer Bildaussage. Das ist ein holpriger Weg, der auf Kritik stößt wie alles neu Entwickelte und Befremdende. Dennoch kommt etwas Wirkungsvolles heraus, ein zerstückeltes Überschönes, das als Collage hässlicher Fragmente eine spannende und anders schöne Arbeit wird, die vielleicht den Weg zu etwas völlig Neuem weist. Rein äußerlich handelt es sich um leise, abschreckende, monsterhafte Wesen, aber über die Zerlegung und die Farbwerte kommt ein ästhetischer Reiz zustande, der die Neugier und Sehnsucht aufrechterhält. Als abstrakte Fläche gesehen, ergibt sich eine schroffe Poesie. Der Blick auf die Arbeiten bleibt nicht flüchtig, man muss herantreten an die reizvoll kleinteilige Welt, und man wird trotz leisem Unbehagen neugierig gemacht auf die kleinen Inseln von schönen Lösungen, deren Resonanz jeder für sich erproben muss. Ein dichtes Gewebe komplexer Formwelten von lyrisch befreiter Realistikadaption.

Dirk Tölke, Kunsthistotiker
Auszug aus der Rede zur Einzelausstellung „INNEN SCHNEEWEISS“ im Kulturwerk Aachen, 18.04.2015