--> First me ...

Ich liege wach. Im Flur höre ich eine Tür. Sie schließt mit einem krächzen. Draußen rollen Blechlawinen vorbei. Stetig und mit Ausdauer. Ich starre Löcher in den Monitor. Scheinbar wahllos klicke ich Seiten im Netz an. Rufe Mails ab – keine Nachrichten. Schalte Skype an und wieder aus. Der Lüfter summt. Strg+N. In regelmäßigen Abständen grummelt die Straßenbahn vorbei. Das Blatt im Bildbearbeitungsprogramm ist weiß. Ich bin ratlos. Gehe runter zum Briefkasten, nur um den Körper in Schwung zu bringen. Ich entnehme meine Post und sortiere Prospekte – auch die auf dem Boden. Es ist zu viel, dass ich in dem kurzen Moment nicht aufnehmen kann. Um zur Ruhe zu kommen, schneide ich aus den aktuellen Modeflyern Arme, Brustansätze und Handflächen aus. Die Scans derselben schiebe ich auf die noch immer weiße Fläche. Dann blicke ich wieder auf die Fenster dahinter, klicke mir vertraute Hyperlinks an. Zappe durch Videotrailer und Textgebilde. Und vergesse die Zeit. Mit der Dämmerung kommt die Konzentration. Tür-, Blech- und Netzgeräusche werden ausgeblendet. Ich erstelle Ebene für Ebene, verzerre und vertausche, ändere Farben, dupliziere ein Bein. Der Zauberstab wählt eine polygone Form aus, ich drehe sie auf die Seite und klebe Ebene 64 an – nein, Gruppe HG passt besser.

Katrin Salentin, 05.11.2012




--> An then him ...

Make-down statt Make-up
Katrin Salentins Collagekörper im Kulturwerk in den Aachen-Arkaden

Die 1980 in Düren geborene und in Berlin lebende Katrin Salentin gehört einer Generation an, für die Parallelität von digitaler und analoger Welt normal ist und die ein Online-Leben und ein Offline-Leben zu vereinbaren sucht.

In dieser Welt der globalisierten Fülle mit einem Facebook, dessen letzte Seite man nie erreicht, hat man sich an Fake und Schönheitsideale gewöhnt und ist dennoch genervt von der Makellosigkeit, mit der Werbung, Onlineprofile und Modelkörper ein optimiertes Sehnsuchtsleben vorgaukeln.

Diese Schönheitssucht ist notwendigerweise mit einer erhöhten Aufmerksamkeit auf Makel verbunden, die vertuscht werden sollen. Der Trotz treibt die Künstlerin an, aus Modezeitschriften die Hautpartien, Beine und Hände auszuschneiden und zu Wesen zu collagieren, die abwehrend gestikulieren und vor ihren Mitläufern wegrennen können.

Glätte und Glanz genommen
Diese analogen Anfänge scannt sie ein und bearbeitet sie in zig Schichten digital weiter, übermalt und beschmirgelt Ausdrucke davon, um ihnen Glätte und Glanz zu nehmen und entwirft so ein farbreiches und freies Arrangement von oberflächlich monsterhaft hässlich wirkenden Figuren, die dennoch wieder aus schönen Elementen bestehen und in Arrangement und Farbgebung satt komponiert sind.

Eindeutig eine Künstlerin, die emsig auf dem Weg zu einem eigenen Vokabular ist und ihre Zielsuche in umfangreichen Skizzenbüchern und digitalen Kommentaren, die dann wieder analog gebunden werden, dokumentiert. Ein dichtes Gewebe komplexer Formwelten von lyrisch befreiter Realistikadaption.

Dr. Dirk Tölke, 29.04.2015
www.klenkes.de/kultur/kunst/65677.make-down-statt-make-up.html